Experten für Chemie, das sind wir. Glauben Sie nicht? Stimmt aber! Jeder von uns kann mit seiner Nase binnen weniger Augenblicke durch seinen Geruchssinn eine schier unglaubliche Menge verschiedenster chemischer Substanzen erkennen. Theoretisch sind es 10.000.000.000.000.000.000 – eine Trillion. Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit, wir kennen keine 1018 Wörter – die deutsche Sprache in ihrer Gesamtheit dürfte, wenn man mundartliche Wendungen und Fremdwörter hinzunimmt, nicht mehr als eine Million Begriffe enthalten. Außerdem werden Methylbutyrat, Pentylbutyrat, Amylacetat, Diallyldisulfid und 2-Acetyl-tetrahydropyridin nur den Wenigsten etwas sagen. Dennoch, unsere Nase kennt sie, nur heißen sie in bekannter Form Ananas, Aprikose, Banane, Knoblauch und Popcorn – es sind Gerüche.
Unsere Kenntnisse der Abläufe, die in dem gipfeln, was wir Geruch nennen sind, vergleich man sie mit dem, was wir über unsere Augen wissen, relativ unvollkommen und sie sind jung. Erst 1991 gelang es Linda Buck und Richard Axel, die Duftstoff-Rezeptoren der Nase ausfindig zu machen – eine Entdeckung, die ihnen 2004 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie einbrachte.
Gerüche: Selektion und Verhalten
Wahrnehmung ist ein selektiver Prozess – längst nicht alles, was über unsere Sinne den Weg ins Gehirn findet, gelangt zu Bewusstsein. Im Falle der Augen bzw. unseres Gesichtssinns ist dies „offensichtlich“. Immer bedarf es eines Fokus, etwas wird hervorgehoben und für sich genommen betrachtet. Bei der Nase bzw. unseres Geruchssinns liegen die Begebenheiten weit weniger klar (vor Augen). Dies liegt vor allem daran, dass unsere Nase, im Gegensatz zu den Augen, Gegenstände nicht räumlich verortet. Dennoch ist es so, auch die Gerüche stehen unter Selektionsdruck – unsere Nase erschnüffelt deutlich mehr, als wir bewusst riechen. Der milde Duft einer Rose verblasst, sobald er sich gegen den beißenden Gestank von Schwefel behaupten soll, auch dann wenn die Moleküle, die in uns den Rosenduft erwirken, nach wie vor in die Nase gelangen.
Bei aller Ähnlichkeit der beiden Sinne unterscheidet sich unser Geruchssinn, soweit wir wissen, doch in einem wesentlichen Merkmal von den übrigen: wir nehmen Informationen aus der Umwelt durch die Nase in uns auf, die wir uns nicht bewusst machen können. Und eben diese Informationen sind so gestrickt, das sie einen Einfluss auf unser Verhalten ausüben können, da sie unsere Gefühle verändern.
Angstschweiß versetzt uns in Alarmbereitschaft, ohne dass wir dies wissen. Pheromone strömen durch die Luft in unsere Nase und beeinflussen unser Verhalten, so dass, wenn wir sagen, wir könnten jemanden nicht gut riechen, den Nagel etwas mehr als vielleicht auf den Kopf treffen.
Die Nase und chemische Propaganda?
Wenn etwas möglich ist, dann wird es auch jemanden geben, der es unternimmt. Diese Binsenweisheit trifft auch dort zu, wo es um Möglichkeiten geht, die moralisch gesehen fragwürdig sind. Wo es also möglich erscheint, mittels eines Geruches direkt auf die Gefühlswelt eines Menschen einzuwirken, da wird es jemanden geben, der sich genau diese “Schwäche” der Nase zu Nutze macht. Gibt es sie also bereist, die chemische Propaganda?
Riecht man Lunte, wenn der appetitliche Geruch der Backstube, der uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, nicht der Handwerkskunst des Brötchenmachers zugerechnet wird, sondern den Errungenschaften chemisch-olfaktorischen Food-Designs? Wer weiß. Selbstverständlich würden uns die Bäcker das Vorhandsein künstlicher Appetitmacher nicht unter die Nase reiben, aber es riecht förmlich danach als täten sie es doch – und davon habe ich die Nase gestrichen voll.